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Das Rätsel der Spiele
Konstantinos Karachalios
Die Olympischen Spiele sind heute fest in unserem Bewußtsein verankert, deren
Existenz und Erfolg erscheinen uns fast als eine Selbstverständlichkeit.
Ist die Sache aber wirklich so trivial? Rekapitulieren wir:
Faktum Nummer 1: Die Olympischen Spiele waren mehr als 1000 Jahre lang die
beliebteste sportlich-kultische Veranstaltung in der griechisch-römischen Welt, bevor sie Kaiser
Theodosius - zusammen mit den philosophischen Schulen Athens und allem was verdächtig nach
hellenischem Geist roch - kurzerhand verbot.
Faktum Nummer 2: Mehr als 1500 Jahre danach wurde diese Tradition aus dem Dornröschen-Schlaf
geweckt und etablierte sich schnell - trotz radikal veränderter Bedingungen - als beliebteste
sportlich-mediale, also auch kultische, Veranstaltung der Moderne.
Eine solche Kombination ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt zwar mehrere Theorien und
Studien, weswegen die Olympischen Spiele in der Antike selbst zum großen Sieger wurden. Es gibt
sicherlich auch Gründe, warum sie heute der König der Sport- und Medienveranstaltungen sind.
Dazwischen liegt jedoch eine ziemlich große Zeitspanne: 1500 Jahre sind eben kein Klacks;
unvorstellbare Umwälzungen haben stattgefunden. Der Olympische Zeus und alles, wofür er und seine
Sippschaft standen, wurden vernichtet (z.B. auch dass Götter nicht allmächtig und unfehlbar sind,
dass also Widerspruch dagegen legitim und möglich ist, dass andere Götter und Glauben kompatibel
und im System integrierbar sind). Die monotheistischen Nachfolger treiben keinen Sport, vertragen von der
inneren Logik her keine Konkurrenten und sind nicht sonderlich vom Teamgeist beseelt. Außerdem,
stellen in der Welt von heute die griechisch-römische Tradition und deren geistige Prämissen nur
eine zivilisatorische Komponente einer relativ kleinen Minderheit dar.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dieser zweimaligen Spitzenleistung um einen bloßen Zufall
handelt, ist daher als gering einzuschätzen, mit tautologischen Ansätzen kommen wir auch nicht
sehr weit. Es muss also - wenn man nicht an geistige "Tunneleffekte" glaubt - einen unsichtbaren
roten Faden, eine Verbindung geben, welche den Keimling auch in denjenigen Zeiten lebendig erhielt, wo alles
tot zu sein schien; bloß welche und wie?
Darüber hinaus enthält dieser Keimling etwas, das die Olympischen Spiele - trotz einiger
negativen Entwicklungen - nicht nur erfolgreich sondern sogar zu einem Phänomen macht, im
ursprünglichen Sinne des Wortes (aus dem Griechischen; bedeutet Licht, glänzende
Erscheinung).
Vielleicht, kommen wir der Sache etwas näher, wenn wir uns bewusst werden, dass es nicht das
einzige Konzept der Antike ist, welches durch die Herrschaft der Theokratie und das Purgatorium des
Mittelalters ging, um unsere Zeit auf wundersame Weise zu erreichen und diese auf sehr dynamische Art und
Weise zu befruchten.
Eine Schlüsselrolle, die conditio sine qua non, spielt wohl das Schicksal des politischen Projektes
bzw. der Demokratie. Die Geburt und das kurze Aufleuchten der Demokratie in der griechischen antiken Welt
hatten weitreichende Folgen.
Danach war sie fast so lange verbannt und von ihren Gegnern tot geglaubt – wie die Olympischen Spiele –
bis sie in der Neuzeit wieder auferstand. Nun, ist es ein Zufall, dass heute die Staaten mit
demokratischem System wirtschaftlich, technologisch, militärisch usw. einen großen (fast
gefährlichen) Vorsprung vor dem Rest der Welt aufweisen?
Man könnte dieses Muster auch auf andere Phänomene griechischen
Ursprungs anwenden, darunter zwei besonders herausragende: die unglaubliche (und für manche
furchterregende) Dynamik der westlichen Wissenschaften und
die Eigenart der modernen Kunst als Grenzen sprengende, transzendierende Aktion.
Diese Phänomene haben etwas gemeinsam: sie sind auf Gedeih and Verderb mit dem sie umfassenden
Projekt der Emanzipation, also dem Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit, verbunden. Auch der
Agôn, d.h. der Wettbewerb unter freien Menschen, kann nur unter solchen Bedingungen stattfinden.
Die Olympischen Spiele hätten also nicht wesentlich früher (z.B. im späten Mittelalter)
reaktiviert werden können.
Dies scheint also eine notwendige Bedingung zu sein. Sie ist womöglich nicht die einzige und kann
außerdem keineswegs als hinreichend betrachtet werden. Somit bleibt die spezifische Frage für
den nicht naheliegenden Doppelerfolg der Olympischen Spiele weiterhin offen.
Die Frage ist alles andere als akademisch. Wenn es nämlich tatsächlich solche hinreichenden
Gründe bzw. "innere Regeln" gibt, sollten wir sie identifizieren. Es ist nämlich sehr
wahrscheinlch, dass die leider unübersehbare Krise (die Spiele könnten bald eher an Kolosseum-
denn an Olympia-Veranstaltungen erinnern) darin wurzelt, daß diese "inneren Regeln" seit
einiger Zeit systematisch missachtet werden. Dann wird aber das Ganze, früher oder später,
zwangsläufig kippen.
Eine Reihe von nicht trivialen Fragen drängt sich also auf:
- Handelt es sich wirklich um eine Wiedergeburt oder schlicht und einfach um zwei völlig
unterschiedliche Phänomene, die fälschlicherweise und aus purer Ideologie miteinander in
Verbindung gebracht werden, weil sie eine ähnliche äußere Symbolik verwenden?
- Wenn es aber jenseits der äußeren Symbolik eine innere Verbindung gibt, wenn die Spiele doch
als ein Gesamtprozess betrachtet werden können, welcher zwischendurch auf Eis gelegt wurde (wie vorher
angedeutet, es wäre durchaus nicht das einzige Projekt der Antike, welches ein solches Schicksal
erfahren hätte), welche wäre dann seine Identität (nach Heraklit: die Substanz innerhalb
eines Prozesses, die trotz aller Veränderungen gleich bleiben muß, damit nicht statt dessen eine
Substituierung, also eine Besitznahme durch etwas Anderes, stattfindet), seine "innere
Bedingungen", die damals wie heute gültig sein müssen?
- Wenn es solche "innere Bedingungen" gibt, wie stabil sind sie heute und wie könnte man
sie aktiv unterstützen, um den Spielen eine würdige Perspektive zu geben?
Es wäre insbesondere interessant, die Meinung nicht nur von Gelehrten und
Experten, sondern auch von einfachen Lesern und Sportlern darüber zu hören.
(Der Autor ist Präsident der Stiftung Palladion in München, die sich die Förderung der
griechischen Bildung, Kunst und Kultur zum Ziel gesetzt hat.)
Begrüssung des Vorsitzenden der Stiftung Palladion
Byzanz-Soiré, 13. Februar 2005
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Freunde der Byzantinischen Kultur
Es ist offensichtlich, daß die laufende Ausstellung keineswegs nur musealen Zwecken dient.
Vielmehr sensibilisiert sie und setzt in der hiesigen Öffentlichkeit eine Debatte in Gang, über
Ereignisse und Zusammenhänge, die ihr Licht oder Ihre Schatten bis heute projizieren und Teil unseres
Lebens sind, ohne daß wir es immer explizit wahrnehmen. Ein solches Ereignis ist z.B. die Einnahme
und Verwüstung Konstantinopels durch die Kreuzritter, welches Amin Maalouf in seinem Standardwerk
"Les croissades vues par les Arabes" als eines der größten Verbrechen in der
Menschheitsgeschichte bezeichnet hat. Über die moralische Verwerflichkeit hinaus, hatte es sehr
schwerwiegende Folgen für die gesamteuropäische Entwicklung, insbesondere bewirkte es
maßgeblich den Niedergang der Hochkulturen des Mittelmeeres, mit allen möglichen Folgen.
Die Ausstellung trägt auch dazu bei, die implizite Sichtweise, daß Byzanz die östliche,
in ihrer Entwicklung etwas zurückgebliebene Version Europas darstellt, zu revidieren. Die Frage ist
natürlich, was heißt hier "Entwicklung", in welche Richtung ? Wenn Sie mir eine gewagte
Bemerkung erlauben, mir scheint, daß der kulturelle Bruch im Kant'schen Anspruch, der eine strikte
Trennung von Vernunft und Gefühl einfordert, exemplarisch verdichtet werden kann. Obwohl die
abstrakte Vernunft, die Ratio, eine der schillerndsten griechischen Erfindungen darstellt, wäre
eine solche Trennung für uns Griechen undenkbar, da sie letztendlich unweigerlich zur Barbarei
führt.
Die Ära des Byzanz und die Frage der kulturellen Kontinuität der griechischen Nation sind
immer noch Gegenstand intensiver Debatten. Einerseits bezeichneten sich die Byzantiner hauptsächlich
als "Romioí", d.h. Römer, die Bezeichnung "Ellines" wurde vom Klerus bis ins späte
osmanische Reich als Schimpfwort benutzt. Schließlich wurde aber klar, daß die Seele des
Reichs griechisch war. Nicht zufällig, etablierte sich in der moslemischen Welt nicht die
Bezeichnung "Rum" sondern "Yunàn", welches Ionien, das pulsierende und geniale Herz aller
griechischen Kulturen evoziert, Ionien, das - nach einer dreitausendjährigen Geschichte und
Präsenz - im Jahre 1923 vollständig vernichtet wurde. Meines Erachtens stellt dieses
neuzeitliche Ereignis eine viel größere Zäsur in der griechischen Geschichte dar,
als der doppelte Fall Konstantinopels in den Jahren 1204 und 1453.
Übrigens, Fallmerayer's Rassen-Theorien beiseite lassend, die Diskussion ob wir, heutige
Griechen, geistige Nachfahrer von Xenophanes und Thukidydes oder von Plethon Gemistòs und
Palaiologos sind, zeigt oft dogmatische Züge und ist letztendlich irrelevant. Im täglichen
Leben und im internationalen Geistes-Wettbewerb offenbaren sich nämlich die geistigen
Verwandtschaften und Qualitäten, nicht am Stammesbaum. Im internationalen Vergleich glänzt
die kleine Griechen-Nation glänzt zwar nicht immer, erstaunt aber doch ab und zu mit Hochleistungen,
die man ihr nicht zugetraut hätte.
Dabei ist die Kurve unserer zivilisatorischen Entwicklung keineswegs linear abfallend. Ein Beispiel
gibt uns die zeitliche Entwicklung des griechischen Adjektivs für "schön".
Früher sagten wir "kalòs". Dann verschob sich die Bedeutung dieses Wortes zu "gut", eine
interessante Konfusion zwischen moralischen und ästhetischen Kategorien, deren Folgen bis heute
sichtbar werden. Das Vakuum füllte sich mit dem Begriff "eumorfos" bzw "omorfos", was aber nur
einen Teil der Sache wiedergibt, nämlich das Äußere, die Gestalt. In der byzantinischen
Zeit wurde dann der Begriff "oraìos" hierfür etabliert, was über "òrimos"
(Reif) und "òra" (die Stunde) eine Verbindung zwischen Zeit, Reife, Vergänglichkeit und
Schönheit herstellt.
Im Vergleich: das deutsche "schön" kommt aus dem Gotischen "skaunei" (Gestalt) und assoziiert
Schönheit mit Schauen, d.h. glänzende, reine Erscheinung, also äquivalent zu "eumorfos".
Allerdings ist aus "schön" das Adverb "schon" entstanden, was "in schöner, gehöriger Weise"
hieß, bis es seine heutige Bedeutung "bereits", d.h. eine zeitliche Dimension, erhielt, welche es
wiederum zu einer gewissen Verwandtschaft zu "oraìos" setzt.
Ich empfinde solche Entwicklungen als ein klares Zeichen dafür, daß eine Sprache lebendig
und kreativ bleibt, was nicht automatisch für alle Sprachen und alle Zeiten gelte.
Und damit möchte ich die Brücke zu einer sehr kurzen Vorstellung der Stiftung Palladion
schlagen. Palladion ist eine von fast allen griechischen Institutionen und Organisationen, unter der
Führung der Griechischen Gemeinde München, im Jahre 1995 geschaffene bayrische Kultur-Stiftung,
die sich mit denjenigen Elementen der griechischen Kultur auseinandersetzt, die stets aktuell und damit
potentiell für alle Menschen offen und zugänglich sind. Dabei definieren wir und
führen aus unsere Projekte zusammen mit ausgesuchten Partnern, wie das Goethe Institut, die
Hölderlin-Gesellschaft, das Kulturreferat der LHM, um einige zu nennen.
Griechischerseits erfolgte die Inauguration der Stiftung im Jahre 1996 durch den damaligen
Außenminister, Georgios Papandreou. Unsere Ehrenmedaille für besondere Verdienste bei der
Förderung der Deutsch-Griechischen Beziehungen haben bisher der Präsident des Landtags,
Dr. Johannes Böhm (Stichwort: griechische Schule in Bayern) und Seine Exzellenz, Kardinal Wetter
(Stichwort: griechische Kirchen in Bayern), erhalten.
Einen wichtigen Aspekt unserer Arbeit bildet die Förderung der griechischsprachigen Ausbildung
vor Ort; wir haben z.B. entscheidend dazu beigetragen, dass der Freistaat Bayern und Griechenland sich
für den Bau einer neuen, großen und modernen griechischen Schule in München entschieden
haben (Wert: ca. 15 Mio Euro). Das Grundstück (15.000 qm) ist von der Griechischen Regierung
bereits gekauft worden, mit dem Beginn der Bauarbeiten wird in etwa einem Jahr gerechnet.
Die Errichtung eines Europäisch-Griechischen Kulturzentrums, wenn möglich in Zusammenarbeit
mit anderen Organisationen und Institutionen, ist auch eine aktuelle und realistische Zielsetzung.
Andere wichtige Zielgruppen für unser bildungspolitisches und soziales Engagement sind die
Kinder, die in Bayern griechische Schulen besuchen, und deren Eltern. Die Angebote umfassen Vorträge
und Informations-veranstaltungen in den Schulen und in wissenschaftlichen und technologischen
Einrichtungen sowie Herausgabe von Büchern (München, Blick auf eine Weltstadt).
Meine Damen und Herren
Wir sind eine Bürgerstiftung, d.h., wir versuchen Menschen zu engagieren und mobilisieren, der
partizipative Aspekt ist uns genau so wichtig, wie das Erreichen von konkreten Zielen.
Also, wenn Sie an Griechenland und unserer Thematik interessiert sind und mehr über uns erfahren
möchten, stehen wir Ihnen am Rande der heutigen Ereignisse für ein Gespräch im kleineren
Kreis gerne zu Verfügung.
Schließlich, bevor ich das Wort an den Gastgeber weitergebe, möchte ich mich bei
Professor Wamser und seine engagierten Mitarbeiter ausdrücklich und öffentlich bedanken,
für die Realisierung der heutigen Veranstaltung und hoffe, daß dies nicht das letzte Mal
war, wo wir zusammen etwas unternehmen.
Pressemitteilung
ARCHIPEL
Ein literarisches Musik-Theater
Musikalische Leitung: Adel Shalaby
Donnerstag, 21. Dezember 2000, 20 Uhr
Gasteig, Carl-Orff-Saal
"Archipel" ist ein literarisches Musik-Theater, das im Rahmen des Projekts "Metamorphosen"
im Mai 1999 als Koproduktion der Stiftung Palladion und des Goethe-Instituts (Goethe-Forum) entstand,
und vom Kulturreferat der Stadt München und dem Griechischen Außenministerium unterstützt
wurde. Das Stück wird am 21. Dezember 2000 im Carl-Orff-Saal in Zusammenarbeit mit dem
Richard-Strauss-Konservatorium unter der musikalischen Leitung von Adel Shalaby und Mitwirkung von
Preisträgern des Wettbewerbs des Kulturkreises Gasteig wieder aufgeführt.
Ziel des "Metamorphosen"-Projekts ist, den Dialog über die Wechselbeziehung kultureller Rezeption
sowohl innerhalb Europas als auch mit außereuropäischen Ländern zu vertiefen. Paradigmen
einer Weltoffenheit, in der das "Besondere" zum "Universellen" wird, werden
systematisch aufgespürt und künstlerisch verarbeitet. Ein beindruckendes
Beispiel hierfür liefern das Spätwerk ("Oxópetra Elegien") und die Essays des
griechischen Dichters Odysseas Elytis (Nobelpreis für Literatur 1979), der darin seine
geistige Verwandtschaft zu Novalis und Hölderlin beweist. Eros als kosmisches Schicksal
und der Anspruch, die Welt durch Poesie zu verwandeln, das ist der gemeinsame Topos der drei Dichter.
Die Auffassung über den Sinn des Lebens, über die Schönheit und die Liebe wiederum hat
ihre Wurzeln bei Platon. Die kulturellen Einflüsse sind deshalb keineswegs linear, sondern gleichen
Spiegelungen, bei denen das Abgebildete gebrochen, vertieft und tausendfach reflektiert wird.
Beim "Archipel" werden ausgewählte Texte und vertonte Gedichte von Elytis, Hölderlin und
Novalis inhaltlich miteinander verflochten und schließen sich zu einem Ganzen mit sechs Szenen:
"Die Seereise", "Der Archipel", "Dürftige Zeiten", "Eros und Psyche", "Die Nacht" und "Auf der Seite
der Unschuld". Eine Erzählung von Elytis bildet den Rahmen für einen imaginären,
spannungsreichen Dialog der Dichter. Das Stück wurde für einen Erzähler, drei Sänger
(Sopran, Mezzosopran und Bariton), Klavier und 3 Instrumentalisten (Schlagwerk) gestaltet. Die Musik
schrieb der in Darmstadt und Japan lebende Komponist Demosthenes Stephanidis.
Wir würden uns freuen, wenn Sie eine Ankündigung der Veranstaltung veröffentlichen
würden. Ich stehe Ihnen gerne für weitere Informationen zur Verfügung und hoffe, Sie
am Abend begrüßen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen
Christine v.d.Knesebeck
Zum Begriff "Archipel" *)
Da die Venezianer die Worte Ägheon Pelaghos (das ägäische Meer) nicht aussprechen konnten,
haben sie das Wort "Arcipèlago" erfunden. Erst später wurde dieser Begriff benutzt, um auch
andere Inselketten zu bezeichnen. Archipel, die an Inseln reiche Ägäis, getrennt aber doch
verbunden und zusammengehalten von einer gemeinsamen Idee, ist der Ursprung Europas. Entfernt man sich
seelisch, politisch und kulturell von den idealen des Archipels, bedeutet nichts geringeres als die
Zukunft Europas zu verspielen.
Die Fragen von damals sind heute aktueller denn je: Wie kann man aus einer Ansammlung von "Inseln"
einen Archipel entstehen lassen? Anders gefragt, wie kann man aus der Diversität einzelner
"Individuen", seien es Kulturen, seien es Polites/Bürger, eine neue Entität entwickeln,
die nicht lediglich deren Summe darstellt? Haben die Stimmen und Sprachen des europäischen
Archipels eine gemeinsame Wurzel? Was ist die Identität des heutigen Europa ?
Der Archipel ist ein starkes Symbol dafür, das die Zukunft nicht in einem (Alp)Traum von
Einheit(lichkeit), sondern in der Bewahrung der Differenzen lebt. Wenn das Nicht-Kommunizieren der
Insel sie zur "Idiotie" (Etymologie von idiotisch: jeder für sich) verurteilt, führt das
Aufkommen einer den Rest nivellierenden Macht zum Totalitarismus.
Der Archipel wird von denjenigen erschaffen, die, wie Odysseus, die große Reise antreten,
indem sie sich ent-scheiden, die Heimat, alle Sicherheiten und das, was man am meisten liebt,
hinter sich lassen. Dabei erliegen wir der gleichen großartigen Illusion, nämlich zu glauben,
man könne nach Freiheit und nach Glück und Geborgenheit gleichzeitig streben. Zwischen diesen
Extremen, zwischen Scylla und Harybdis, bewegt sich auch unser Schiff, wie das Schiff des Odysseus, der
die bekannte Welt hinter sich lassend und von Insel zu Insel fahrend, das Archipel erschafft, indem er
Erzählfäden spinnt und zusammenknüpft. Die Reise endete bis jetzt immer mit Schiffbruch.
Utopia von Thomas Morus (où Topos: kein Ort) versucht genau dieses Dilemma aufzuheben, in der
realen Welt ist es kaum zu schaffen.
Der Begriff des Fremden und der Umgang mit ihm spielen eine zentrale Rolle bei dieser imaginären
Reise. Toleranz kann nämlich ein zweischneidiges Schwert sein. Tolerant ist derjenige, der seiner
Sache sicher, "akzeptable" Abweichungen "zulässt". Ein Fremder, im Sinne von Xénos bzw.
Hospis, wird aber im Archipel nicht toleriert, er wird in seinem Fremdsein akzeptiert und als eine
Bereicherung betrachtet, so wie Odysseus bei den Phäaken. Die Xenophobie der westlichen
Gesellschaften kommt nicht nur aus dem Instinkt, die erreichten Privilegien verteidigen zu müssen,
sondern vielmehr aus der Angst vor der inneren Entfremdung, vor dem Fremden in sich,
die unaufhörlich das Projekt der Emanzipation und Freiheit begleitet. Sie kann in ungünstigen
Momenten nach außen projiziert und als Fremdenhaß überkompensiert werden. Das ist auch
der Grund, dass der Massen-Faschismus (nicht mit den östlichen Despotien zu verwechseln)
ein Phänomen der westlichen Massendemokratien ist.
Was uns vielleicht retten kann, ist der Blickpunkt von Odysseus. Er verlässt die ihm bekannte Welt
und segelt in ein Universum hinein, voll schrecklicher Gefahren und atemberaubenden Versuchungen.
Wie soll das Blut nicht gerinnen angesichts des Zyklopen Polyphemos oder der sechsköpfigen
Scylla ? Wie soll man klaren Kopf bei den berauschten Lotophagen behalten, wie sich der göttlichen
Grazie Kalypsos, der betörenden Macht Circes entziehen ?
Denn wir befinden uns gerade in einer äußerst riskanten Reise, alle Grenzen hinter uns
lassend. Wie erstarrt blicken wir auf die "Segen" von Wissenschaft und Technologie. Die zukünftigen
Herrscher über den genetischen Code behaupten, zu einer frei von erblichen Krankheiten Menschheit
führen zu wollen, Circe winkt mit ihrem Zauberstab. Aus solchen guten Vorsätzen wird aber
eher eine rassistische Gesellschaft entstehen, wo das "andersartige" nicht mal im heutigen Sinne
"toleriert" wird, Polyphemos lässt grüßen !
Das Schiff von Odysseus hat Schiffbruch erlitten, er konnte aber sich selbst und seine Menschlichkeit
retten und reich an Erkenntnissen und Erfahrungen zu einer veränderten Heimat zurückfinden.
Ob uns das auch gelingt ?
Dr. Konstantinos Karachalios
*) s.a. das Buch "Arcipèlago" von Massimo Cacciari, DuMont, 1998
Demosthenes Stephanidis Komponist und Pianist
Demosthenes Stephanidis studierte Komposition in Athen, Darmstadt und Positano / Italien,
außerdem Klavier, u.a. bei Wilhelm Kempff. Bei den Kranichsteiner Ferienkursen lernte er
Avantgardisten wie Stockhausen und Ligeti kennen, die sein Werk beeinflußten. Heute ist er
sowohl als Pianist als auch als Komponist tätig. Seine künstlerische Arbeit führte
ihn in fast alle europäischen Länder, in die USA, nach Kanada, China und Japan. In Tokyo
gründete er das Internationale Seminar für Pianisten, das er bis heute leitet. Auf Einladung
des Bürgermeisters von Hiroshima spielte er 1995 anlässlich des 50. Jahrestages des
Atombombenangriffs seine "Erste Klaviersonate". Dieses Konzert wurde als "Meilenstein
für das Musikleben der Stadt" wahrgenommen und wiederholt vom japanischen Rundfunk und
Fernsehen gesendet. Werke von ihm wurden zuletzt in München, London und San Francisco
uraufgeführt.
Adel Shalaby Dirigent
Adel Shalaby, 1952 in Kairo geboren, begann seine musikalische Laufbahn im Alter von sechs Jahren
als Schlagzeuger und wurde bereits mit 13 Jahren als Preisträger eines Jugendwettbewerbs in die
damalige UdSSR eingeladen. Er studierte an der Hochschule für Musik in Kairo, wo er bis 1979 auch
lehrte, in Würzburg und in Stuttgart. 1981 wurde er Preisträger des internationalen
Wettbewerbs in Barcelona. Es folgten zahlreiche Produktionen von Rundfunk-, Fernseh- und
Schallplattenaufnahmen. Von 1982-88 lehrte er zunächst am Konservatorium in Würzburg,
seit 1988 am Richard-Strauss-Konservatorium in München. Neben seinen pädagogischen Aufgaben
ist Adel Shalaby seit 1990 zunehmend als Dirigent tätig. Besondere Erfolge hatte er mit seinen
Interpretationen der Carmen Suite, Antigonae und Carmina Burana in der Münchener Philharmonie
und am Opernhaus Kairo.
Elena Kiriakoú Sopran
Elena Kiriakoú wurde in Thessaloniki geboren. Nach dem Abitur kam sie als Stipendiatin
des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Deutschland. Sie studierte Gesang an der
Musikhochschule Stuttgart, wo sie das Aufbaustudium "Liedgestaltung" abschloss. 1992
debütierte sie, mit großem Erfolg bei Publikum und Presse, im Stadttheater Passau als
Zerbinetta in "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss. Seitdem gastiert sie an
Opernbühnen in Deutschland, Österreich, Griechenland und Schweden. Ihr besonderes Interesse
an der Interpretation zeitgenössischer Werke brachte sie in Kontakt mit Komponisten, die ihr
ihre Werke anvertrauten und widmeten. Ihre Auftritte, u.a. mehrere Uraufführungen in Wien,
Schwetzingen und München fanden Resonanz in Funk und Fernsehen.
Thomas Ruf Bariton
Thomas Ruf wurde in München geboren. Er studierte
am Mozarteum Gesang und absolvierte sein Studium dort in den Fächern Oper, Lied und Oratorium.
Fortführende Studien mit Hartmut Höll und Mitsuko Shirai, sowie mit Anna Reynolds und
Jean Cox. Seit Jahren Privatunterricht bei Franz Reuter, München. Meisterklassen mit
Thomas Hampson, Robert Holl, Thomas Quasthoff, Dietrich Fischer-Dieskau sowie Marianne Schech und
Sesto Bruscantini. Gestaltung der Titelrollen von Mozarts "Don Giovanni", Telemanns
"Pimpinone", außerdem Escamillo in Bizets "Carmen". Im kommenden
Jahr zu Werner Egks 100. Geburtstag Hauptrolle in dessen Oper "Die Zaubergeige".
Umfangreiche Konzerttätigkeit mit Oratorien u.a. mit Helmut Rilling und Liederabenden u.a. mit
Hartmut Höll in Österreich, der Tschechischen Republik, Norwegen, Italien, Spanien und
Rußland. Uraufführungen zeitgenössischer Musik. Schubert-Film für den ORF,
CD- und Rundfunkaufnahmen.
Harald Pichlhöfer Schauspieler
Harald Pichlhöfer ist, nach dem Abschluß des Schauspielstudiums an der
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Wien, als freischaffender Schauspieler tätig.
Engagements u.a. in Graz, Wien, Meran. Gastspielreisen durch Österreich, Ungarn Italien.
Ergänzungsstudium im Fach Theaterwissenschaft an der Universität Wien.
Harald Pichlhöfer ist auch als Dramaturg und Organisator tätig: u.a. bei den
österreichischen Filmfestspielen Diagonale und V´iennale, ebenso für Film und Fernsehen
bei ORF, RAI, ZDF. Daneben studierte er Afrikanistik an der Universität Wien und promovierte
in diesem Fach im September 2000.
Erina Goto Schlagzeug
Erina Goto wurde 1976 in Tokyo geboren. Dort begann sie 1982 ihre musikalische Laufbahn
mit Orgelunterricht und ab 1993 mit Schlagzeugunterricht. 1995-98 studierte sie Schlagzeug an der
Musikhochschule Musashino in Tokyo, wo sie gleichzeitig als Solo-Paukerin im Akademischen
Sinfonieorchester mitwirkte. 1998 siedelte sie nach Deutschland über und begann ihr
Schlagzeugstudium bei Adel Shalaby am Richard-Strauss-Konservatorium in München. 1998-2000
zahlreiche Kammermusik- und Solo-Auftritte. Sie wirkte als Solistin bei CD-Aufnahmen sowie
Live-Sendungen des Bayerischen Rundfunks mit. Im Jahr 2000 wurde sie Preisträgerin des
"A.G.V." Kulturwettbewerbs in München und gewann im April den 2. Preis beim Wettbewerb
des Kulturkreises Gasteig.
Alexander Steber Schlagzeug
Alexander Steber wurde 1977 in Krumbach geboren und erhielt mit 7 Jahren den ersten
Schlagzeugunterricht. Seit 1997 studierte er bei Adel Shalaby am Richard-Strauss-Konservatorium und
wurde 1999 in die Bayerische Orchesterakademie und im Landestheater Coburg aufgenommen. Im selben
Jahr erhielt er den 2. Preis beim Wettbewerb des Kulturkreises Gasteig. Mit dem Adel Shalaby
Percussionensemble wirkte er an Produktionen u.a. des Goethe Institutes und des Staatstheaters
am Gärtnerplatz mit. Er ist Mitglied im schwäbischen Jugendsymphonieorchester, im
schwäbischen Blechbläserensemble und im Landesblasorchester Baden-Württemberg.
Aufnahme des Pauken-Solokonzerts von Gordon Jacob beim Bayerischen Rundfunk. Gastspiele bei den
Münchner Philharmonikern und der Orchesterakademie des Bayerischen Rundfunks unter Leitung
von M. Rostropovich.
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